Deel Op

Pietro Bartolo

Member of the European Parliament, Italy
 biografie

Ich wünsche Ihnen allen einen Guten Morgen.

Ich wende mich mit großer Freude und überwältigt an dieses Publikum. Gestatten Sie mir, der Gemeinschaft Sant‘Egidio, der Erzdiözese Madrid, den herausragenden Persönlichkeiten, die nach mir sprechen werden, und natürlich dem Publikum zu danken, das in diesem so ansprechenden Rahmen anwesend ist.
Ich danke Ihnen für die Gelegenheit, gemeinsam über die Kinder und ihre Rechte nachzudenken.
In meiner beruflichen Laufbahn habe ich Tausenden von Kindern auf die Welt geholfen. Es ist mein Beruf, ich bin Arzt mit Spezialisierung auf Gynäkologie. Allerdings möchte ich Ihnen heute nichts über die Kinder erzählen, die bequem im Bett eines Krankenhauses zur Welt gekommen sind; umgeben von der Zuneigung der Familienmitglieder und unterstützt von der Pflege des medizinischen Personals.
Heute möchte ich Ihnen das Zeugnis anderer Kinder bringen. Von denen, die meine Alpträume überfluten, wenn ich schlafe ... aber auch, wenn ich wach bin. Von jenen Kindern, die in meinen Erinnerungen leben und von denen ich immer noch die Geräusche und die Gerüche spüre.
Von den Kindern, denen ihr erstes Grundrecht verweigert wurde: das Recht auf Kindheit.
Von jenen Kindern, die Frieden wollen und die flohen, um in Frieden zu leben.
Ich habe viel von ihnen gelernt und möchte Ihnen berichten, von dem, was ich erfahren habe.
Frieden ist für die Kinder nicht nur die Abwesenheit von Krieg. Es ist viel mehr.
Es ist eine Situation, die von politischen und sozialen Elementen und von Beziehungen bestimmt wird. Es ist das Gefühl, sicher zu sein, träumen zu können und Pläne für die eigene Zukunft zu schmieden.
Im Leben von Millionen von Kindern – von zu vielen - zerstört die Kombination dieser Faktoren den Frieden, manchmal auf irreversible Weise.
Bei vielen Kindern, um die ich mich gekümmert habe, habe ich nicht nur Kriegswunden behandelt. Ich habe die Folgen von Mangelernährung, die durch Reisen verursachten Verletzungen und die psychischen Probleme behandelt, die sie ihr Leben lang begleiten werden.
 
Und dann sind da noch die anderen Kinder, die in den Säcken, die ich zu oft öffnen musste. Fein angezogene Kinder. Ihre Mütter haben ihnen gute Kleidungsstücke angezogen, genau wie unsere Kinder sie bei besonderen Anlässen tragen.
Dennoch gibt es immer noch diejenigen, die angesichts dieser erschütternden Bilder die Augen senken. Es gibt diejenigen, die den Eltern die Schuld geben, ihre Kinder in eine gefährliche Situation gebracht zu haben. Es gibt diejenigen, die argumentieren, dass dies nicht geschehen wäre, wenn sie zu Hause geblieben wären. Zuhause ... in einer Welt ohne Frieden.
Aber das ist keine Reise! Es ist eine Flucht.
Flucht vor Konflikten, Armut, Verfolgung und Naturkatastrophen. Eine Flucht, die, wenn sie nicht tragisch auf dem Grund des Mittelmeers endet, tiefe Spuren hinterlässt.
Und noch tiefere Spuren, wenn diese Kinder beim Überschreiten der europäischen Grenze ihre Zukunft durch ein Sicherheitsdekret blockiert sehen, das ein Anlegen im Hafen nicht erlaubt, sie durch Stacheldraht oder Tränengas stoppt.
Im Moment können wir wenig für die Tausenden von Kindern tun, deren Flucht auf dramatische Weise gestoppt wurde.
Aber wir können den Kindern, die es geschafft haben, ihre Rechte nicht verweigern.
Das Recht auf Kindheit. Das Recht auf Frieden. Für alle, ohne in die Falle zu tappen, zwischen denen zu unterscheiden, die vor dem Krieg fliehen, und denen, die vor der Armut fliehen.
Kinder sind vor allem Kinder, bevor sie Flüchtlinge oder Migranten sind.
Kinder, die Teil dieses "Migrationsphänomens" sind, das jetzt strukturellen Charakter angenommen hat und das nicht nur die politische Klasse, sondern auch die Bürger trennt und erschreckt.
Dieses Phänomen, auf das nationale und europäische Institutionen verzweifelt versuchen, eine Antwort zu geben, die jedoch nicht immer in die richtige Richtung geht. Und die Aufgabe der europäischen politischen Klasse - und aus diesem Grund habe ich mich entschlossen, in die Politik einzutreten, indem ich den Arztkittel vorübergehend beiseitelege - ist es auch, denjenigen, die es bis zu uns geschafft haben, eine Zukunft zu garantieren.
Diese Kinder sind nicht nur die Jugend der Welt, sondern auch diejenigen, die - im Gegensatz zu uns Erwachsenen - am besten Vorurteile und mentale Barrieren gegenüber Gleichaltrigen abbauen können. Es geht darum Beziehungen aufzubauen, die auf Zuneigung und Solidarität beruhen, anstatt auf Hass und Angst vor dem Anderen. Viele Kinder haben mir Geschenke für Kinder gegeben, die benachteiligter sind als sie selbst. Dies zeigt eine Menschlichkeit, die wir Erwachsenen anscheinend verloren haben.
Wenn wir also in dieser dunklen Zeit unserer Geschichte eine Chance auf Erfolg haben wollen, müssen wir sie ohne zu zögern den neuen Generationen anvertrauen, damit sie in Italien, Spanien und Europa dieselben Werte zurückbringen können, die die Väter unserer Konstitutionen als Grundlage für unsere Gesellschaften legten, wie wir sie heute kennen.
 
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.