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Daniel Deckers

Journaliste, “Frankfurter Allgemeine Zeitung”, Allemagne
 biographie

Das Jahr 1917 muss in mehrfacher Hinsicht als ein Schlüsseljahr des 20. Jahrhunderts gelten. Mit der russischen Revolution und dem Eintritt der Vereinigten Staaten von Amerika in den Ersten Weltkrieg veränderte sich die geopolitische Landschaft in einer Weise, wie sie während des gesamten 20. Jahrhunderts bis in die Gegenwart wirksam sein sollte.  Blickt man auf den Verlauf des „grand guerre“ als solchen, so zeigt sich auch in dieser Hinsicht der Charakter des Jahres 1917 als eines Schlüsseljahres. Denn im Sommer jenes Jahres, so haben es namhafte Historiker rekonstruiert, bestand wohl zum ersten und auch letzten Mal die Chance für einen Verständigungsfrieden zwischen den Mittelmächten (central powers) Deutschland und Österreich-Ungarn auf der einen und der Entente mit Frankreich und Großbritannien an der Spitze,  nicht zu vergessen aber auch Italien, das zunächst noch neutral geblieben war und 1915 in das Kriegsgeschehen eingegriffen hatte.

Einen klaren Blick für diese Chance bewies vor allem der damalige Papst Benedikt XV.  In einer Friedensnote wandte er sich Mitte August 1917, also vor fast genau hundert Jahren, an die Krieg führenden Mächte und rief sie zu Frieden und Versöhnung auf.

Aus heutiger Sicht ist dieser Schritt des Papstes nichts weniger als selbstverständlich - haben doch gerade die Päpste im 20. Jahrhundert vermocht, über alle Grenzen von Nationen und Religionen hinaus sich als Mahner für den Frieden und gegen Gewalt weltweit Achtung zu erwerben. Das gilt nicht nur, aber vor allem für Papst Johannes Paul II. Ohne ihn und das Friedensgebet von Assisi im Jahr 1985 und dessen Fortsetzung durch die Gemeinschaft Sant´Egidio säßen wir heute nicht hier.

 Aus der Sicht vieler Zeitgenossen von Benedikt XV., der wenige Wochen nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges zum Papst gewählt worden war, war das humanitäre Engagement, mehr aber noch seine politische Intervention nicht nur neu, sondern ein Stein des Anstoßes.  Einige kurze Bemerkungen über den Status des Papsttums innerhalb wie außerhalb der Kirche mögen an dieser Stelle genügen.

So hatte das Papsttum in der Folge des Ersten Vatikanischen Konzils in den Jahren 1870/71  seine innerkirchliche Macht gefestigt, was unter anderem in der Veröffentlichung des ersten universalen CIC  am Pfingstfest des Jahres 1917  zum Ausdruck kam.  Doch politisch war das Papsttum nach dem Untergang des Kirchenstaates weitgehend bedeutungslos geworden.  Diplomatische Beziehungen pflegte der Vatikan mit nur wenigen Staaten, gerade die italienischen Regierungen setzten alles daran, den Heiligen Stuhl als potentielles Völkerrechtssubjekt so stark wie möglich zu schwächen. Als 1899 im niederländischen Den Haag eine erste weltweite Friedenskonferenz stattfand, konnte die italienische Regierung es als Erfolg verbuchen, dass der Heilige Stuhl von der Teilnahme ausgeschlossen wurde. Mehr noch: Als eine der Bedingungen für den Eintritt des Krieges auf der Seite Großbritanniens, Frankreichs und Russlands verlangte die italienische Regierung, dass bei allfälligen Friedensverhandlungen der Heilige Stuhl nicht beteiligt werde.

Dass die britische Regierung wie auch die US-amerikanische dem geistlichen Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche keinen politischen Respekt entgegenbrachten,  versteht sich von selbst. Der Historiker Timothy Schneider hat insofern vollkommen recht, als er in seinem Buch „Schlafwandler“, in dem die Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges auf mehreren hundert Seiten rekonstruiert wird,  dem Papsttum nur wenige Zeilen widmet. Als politischer Akteur wie als moralische Autorität war das Papsttum nicht existent.

Papst Benedikt XV, ein versierter Kirchendiplomat, war sich dieser Kalamität durchaus bewusst. Sein Engagement, das schon wenige Wochen nach Ausbruch des Krieges mit dem Appell zu einem eintägigen Waffenstillstand an Weihnachten 1914 einsetzte und das in Form eines „Opera dei prigioneri“ bis 1918 hunderttausenden Kriegsgefangenen und ihren Familien zugutekommen sollte, war gleichwohl nicht strategisch motiviert sondern strikt humanitär - standen sich doch in den Schützengräben an der Westfront,  in den Alpen, aber auch im Osten Europas Christen gegenüber, im Falle Italiens und Österreich-Ungarns  sogar Katholiken, in geringerem Verhältnis auch im Fall Deutschlands, Frankreichs und des Vereinten Königreiches mit seinen katholischen Minderheiten.

 Was den Inhalt und das Schicksal der päpstlichen Friedensnote betrifft, so möchte ich Ihnen keinen historischen Vortrag halten. Ich möchte nur zwei Punkte herausgreifen.  Der erste betrifft die Sprache. Niemals zuvor hatte der Papst oder ein anderes Oberhaupt einer Weltreligion den Krieg zwischen Völkern so kategorisch geächtet wie Benedikt XV.  Sein Wort von der „nutzlosen Schlächterei“ und dem „Selbstmord Europas“ ließ keinen Raum für die Rechtfertigungen der Gewalt, die jede Seite zu ihren eigenen Gunsten vorbrachte und die sich in der Segnung von Waffen und religiös verbrämten nationalen Legitimationsstrategien immer wieder Raum verschafften. Zu erinnern wäre gerade in diesem Reformations-Jubiläumsjahr 2017 an die Stilisierung Martin Luthers im Reformationsjahr 1917 zu einem „germanischen Nationalhelden“. Die Deutschen sollten doch, wie Luther, all ihr Gottvertrauen und ihren Kampfeswillen zusammennehmen, um den Krieg doch noch siegreich zu beenden.

So ist es auch kein Wunder, dass sich keine der kriegführenden Parteien den Appell des Papstes zu eigen machte, um den Weg eines Verständigungsfriedens zu gehen. Natürlich gab jede Seite der jeweils anderen die Schuld an der Unmöglichkeit Frieden zu schließen.  Das deutsche Kaiserreich war nicht bereit, auf Belgien zu verzichten, die Vereinigten Staaten und andere Kriegsgegner sahen in einer Demokratisierung Deutschlands und damit einer Veränderung der Staatsform die Vorbedingung für Friedensverhandlungen, Frankreich und andere Staaten sahen in dem Papst einen Freund der Deutschen, mindestens aber Österreichs-Ungarns. Die Liste ließe sich verlängern.

Doch wäre es allzu schlicht,  alleine den Mächtigen dieser Welt die Schuld daran zu geben, dass die „nutzlose Schlächterei“ nicht nur ungehemmt weiterging, sondern die Welt im Jahr 1918 vollends in den Abgrund stürzte.  Dass der Geltungsanspruch des Papstes  in London oder Washington zunächst nichts galt -  der amerikanische Präsident Wilson machte allerdings bei seinen berühmten 14 Punkten für eine Nachkriegsordnung, die er am 8. Januar 1918 vortrug, zahlreiche Anleihen bei den Argumenten des Papstes -  kann nicht verwundern.

Die Frage muss vielmehr erlaubt sein, was geschehen wäre, wenn sich Katholiken auf allen Seiten zu einer Art katholischer Internationale zusammengeschlossen hätten, so wie es Anfang des Kriegsjahres 1917 die sozialistischen Parteien bei der Versammlung in Stockholm getan hatten.  Eine Antwort auf diese Frage werden wir nie erhalten. Die Katholiken in Deutschland, in Frankreich, in Belgien oder in Italien, in dem damals noch nicht existenten Polen oder wo auch immer -  sie alle waren in diesem Jahr nicht in erster Linie Katholiken, sondern Mitglieder ihrer jeweiligen Nation.  So war es schon beim Konklave 1914 gewesen.  Damals traf der belgische Kardinal Mercier auf den deutschen Kardinal Hartmann. Der Deutsche sagte: „Ich hoffe, wir sprechen nicht von Krieg.“  Der Belgier: „Ich hoffe, wir sprechen nicht von Frieden“. Und in Frankreich wurde Benedikt nicht selten als „Papa boche“ bezeichnet.

An dieser Disposition sollte sich während des gesamten Krieges nichts ändern. Bestenfalls wurde die Intervention des Papstes auch kirchlicherseits ignoriert, schlimmstenfalls bezichtigte man den Papst der Parteilichkeit für den jeweiligen Gegner.  Stellvertretend für viele Reaktionen sei ein Ereignis aus dem Dezember 1917 angeführt.  Mit dem Imprimatur seines Ordens und der ausdrücklichen Ermunterung des Pariser Kardinals Amette sagte der bedeutende Dominikanertheologe Jean-Marie Sertillanges  während einer Predigt in der französischen Nationalkirche La Madelaine in Paris: „Très Saint-Pere, nous ne pouvont pas, pour l´instant, retenir votre appels de paix ... Ne croyont pas a une paix de conciliation, nous sommes engages à realiser une paix differente, une paix francaise … ce sera la paix par la guerre apre et menée jusqu´au terme, la paix de la puissance juste brisant la violence, la paix du soldat!”

Warum an diese Tragik heute zu erinnern ist? Mir scheinen Konstellationen dieser Art nicht einer längst vergangenen Geschichte anzugehören. Ich habe in den vergangenen Jahren das Agieren vieler einzelner Katholiken einschließlich vieler Bischöfe und ganzer Bischofskonferenzen in Europa im Angesicht der Flüchtlingsströme und Migrationswellen beobachtet. Ohne dass ich alle Äußerungen von Papst Franziskus in der Sache gutheißen könnte, so verstört mich doch sehr, wie viele führenden Katholiken die Aufrufe des Papstes einfach ignorieren und sich zu Sprachrohren der jeweiligen nationalen Mehrheiten einschließlich der politischen Eliten machen – von wenigen abgesehen.

Ich glaube verstehen zu können, was sich in der katholischen Kirche etwa in Polen, der Tschechischen Republik oder Frankreich abspielt und warum Bischöfe und Kardinäle so reagieren, wie sie es tun. Beim Nachdenken über diese und andere Phänomene, etwa der mangelnden Versöhnungsbereitschaft von „katholischen“ Völkern wie Chile und Argentinien – Johannes Paul II. war es, der den Konflikt um den Beagle-Kanal schlichten musste – kam mir ein Satz in Erinnerung, den Kardinal Walter Kasper einst im Gespräch mit mir geäußert hatte: „Blut ist dicker als das Wasser der Taufe“.

Damit hat er wohl nichts mehr und nichts weniger ausgesprochen als eine „anthropologische Konstante“. Aber gerade weil es sich um eine solche handelt, wäre jeder, der ein Zeugnis des Friedens geben will, klug beraten, wenn er diese nicht als eine vernachlässigenswerte Größe behandelte, sondern als eine systemische Komponente, deren Wirksamkeit nicht überschätzt werden kann. Nicht nur „die Welt“, auch die Kirche bedarf immer wieder der „metanoia“.